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(Kommentare: 2)

Was Philosophisches für zwischendurch ...

Homo solus

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Kommentare

Kommentar von Tamara |

Hallo Michael,
die Anspielung auf Parmenides und seine Doxai ist sehr treffend. Mich freut auch, dass du weißt, dass er Wahrnehmung und Vernunft in Antithese setzt und damit den Dualismus ins Rollen bring (das weiß nicht mal so mancher Philosophiestudent LOL)

Ich sehe das genauso wie du: wir befinden uns in einer Zeit, in der ein dringender Paradigmenwechsel bevorsteht (jedenfalls hoffe ich das). Und ich gebe dir absolut Recht: Das Menschenbild der heutigen Zeit (das verdinglichte, technisierte) ist das Grundproblem für viele andere Missstände. Vor allem in der Medizin, gerade der Disziplin, die sich zum Dienst am Menschen verpflichtet hat und eigentlich Humanwissenschaft ist…

Besonders pointiert finde ich dein Betonung: ent-gegnen anstatt be-gegnen. Also ein agonistisches Verhalten – ist übrigens in der Mediävistik ein zentraler Begriff in der Analyse von Heldengeschichten und höfischen Romanen. Dieses Prinzip bestimmte das damalige Menschenbild bzw. das normative Ideal, wie es in den Geschichten vorgezeichnet wurde.

Ich rätsle etwas über den Satz: „wenn uns unsere Störung wieder als Leid erfahrbar wird...(…) und die Botschaften des Krankseins durch die nachlassende Selbstanklage hindurch schimmern.“
Meinst du damit, dass das technische Wort Störung dem Leiden die Essenz raubt? Die eigentliche Bedeutung, was da mit einem Menschen passiert, quasi verschleiert mit Hilfe der Sprache? Da sind wir d’accord ;-D

Etwas kritischer sehe ich den Ausdruck „Botschaften des Krankseins“.
Es gibt gewisse Hinweise, dass der Mensch zumindest neurobiologisch zur Musterbildung neigt. Ich denke, dass lässt sich als Korrelation zum Sinnbedürfnis des Menschen auffassen. Die ständige Suche nach einem Warum.

„Es gibt Experimente, die zeigen, was passiert, wenn man Menschen vor sogenanntes weißes Rauschen setzt, also einfach das Auftauchen von weißen Punkten auf der Leinwand. Das ist ein völlig zufälliger Prozeß und trotzdem entdecken Menschen, oder glauben besser gesagt, in diesem völlig zufälligen Rauschen, ein Wort zu erkennen, ein Bild zu erkennen, ein Gesicht zu erkennen, was auch immer.“ - Das interessante daran, jeder Teilnehmer hatte quasi sein eigenes, individuelles Muster.

Wenn du jetzt voraussetzt, dass eine bestimmte Bedeutung im Kranksein steckt, verbirgt sich darin nicht ein Kausalitätsdenken? Oder netter ausgedrückt ^^ : Kommt hier nicht dein individuelles Muster/Sinnbildung zum Tragen?

Ich glaube auch, dass „psychische“ Krankheit mit Grundkonflikten zu tun hat. Allerdings bezweifle ich, dass sie als Botschaft definiert werden kann. Dafür ist dieses Leiden viel zu lebensgefährlich und überwältigend. Zumindest in meinem Selbsterleben.

Jetzt aber weiter im Text :-)
Wirklich sehr erhellend fand ich deine Gliederung der „Menschenbilder“ hinter den psychologischen Theorien. Ich bin natürlich in den einzelnen Selbsttheorien nicht so bewandert wie du, aber deine Kritik daran teile ich voll und ganz.
Wie du schreibst, die derzeitigen Richtlinientherapien bleiben immer noch einem mechanistischen Menschenbild verhaftet.

Ich bin begeistert, wie du das Sowohl-als-Auch in dialektischen Ansätzen betonst.
Extrem interessant ist vor allem, wie du den Identitätsbegriff als topografische Doxa analysierst und das individualistische Prinzip herausarbeitest. Klingt für mich völlig stimmig, das sich aus diesem „Vorverständnis“ der Dualismus ergibt.

Entweder-Oder-Prinzip, Import-Export, Kolonialisierung
wow, das sich treffende Sprachbilder für Agonismus per excellence.
Das Ganze und sein Teil als Momentaufnahme finde ich genial ausgedrückt. Sie nimmt nicht Geltung, sondern spricht beiden gleichen Wert zu.

Bzgl. Neue Phänomenologie und Feldtheorie möchte ich dir unbedingt Thomas Fuchs empfehlen, falls du seine Arbeiten nicht schon kennst.

Eine Anmerkung zur Wissens-Doxa im Streitfall:
evtl ein unglückliches Beispiel. Wut ist schließlich eine mächtige Emotion, die einerseits Energien freisetzt, aber auf der anderen Seite gleichzeitig das rationale Denkvermögen hemmt. Das Wissens-Doxa beginnt wahrscheinlich schon vor dem Streitfall und gewinnt durch die Wut noch an Vehemenz, lässt sich das so sagen?

Dialektischer Konstruktivismus
Wahr ist, was veränderlich ist – das ist ein revolutionärer Ansatz ;-)
Wunderbar, wie du den sokratischen Wissens bzw Nicht-Wissensbegriff erfasst.
Mich erinnert deine Ausführung zur interventionistischen Haltung, die heute vorherrscht, an Gadamer:

Ich bin mir nicht sicher, ob Heilung durch ein Zulassen möglich ist. Ich nehme an, du gehst hier von Krankheit aus. In meinem Fall hätte mich das Zulassen mein Leben gekostet. Ich denke, auch hier kommt es auf das Sowohl-als-Auch an, also der Vermischung von Zulassen und Lösen. Auf jeden Fall keine Einseitigkeit.

Macht und Mächtigkeit – das ist erhellend!
Das Böse braucht keine Erklärung – Jaaaa! Und Krankheit auch nicht ;-)
ich würde nicht sagen, es ist gesund, krank zu sein. Aber ich applaudiere dir für den Satz „Geben wir dem Leiden die Zeit, die es braucht!“ Zweckfreie, unverpflichtete, freie Zeit halte ich auch für eine wesentliche Komponente für die Heilung.

Ich hoffe, das war jetzt nicht zu viel an Kommentar.
Auf alle Fälle bin ich schwer beeindruckt von deinen Ausführungen.
Bitte mehr davon! ;-)

Antwort von Michael Mehrgardt

Liebe Tamara,

endlich mal wieder ein Kommentar, und dann auch noch ein so ausführlicher und gründlicher - auf den Grund gehender! Dankeschön dafür!

Genau: Wir sind eine "Ja, aber..."-Kultur, in der Be-Gegnung immer seltener und Ent-Gegnung immer vorherrschender wird. Interessant dein Hinweis auf die mittelalterlichen Heldengeschichten und Romane.

So, jetzt muss ich erst einmal den "rätselhaften Satz" aufspüren und sehen, was ich gemeint haben könnte mit „wenn uns unsere Störung wieder als Leid erfahrbar wird...(…)". Hab ein paar Minuten Geduld :-).
Ach ja, genau wie du schreibst: Der Begriff "Störung" scheint mir ein Sinn-loser und vom Einzelnen abstrahierender - technischer - Begriff zu sein, der zudem normativ ist, sprich: dem Betroffenen sehr deutlich signalisiert, dass er bitteschön die Störung baldmöglichst abzustellen hat; da er dies nicht allein vermag, sollte er sich Hilfe holen und sich den Maßnahmen des Fachmenschen unterordnen. Was dieser Begriff außer Acht lässt, ist, dass ein - ich sage lieber - Leiden an einer bestimmten Stelle und in einem bestimmten Kontext des Lebens auftaucht und den Leidenden mit seiner ureigensten Existenz konfrontiert.
Damit komme ich zu der Formulierung, die du kritisch siehst: „Botschaften des Krankseins“. An dieser Stelle gilt es, sehr achtsam zu sein, und deine Kritik hat mich darauf aufmerksam gemacht:
Sehr fatal wäre es, im Leiden eine mahnende Botschaft zu sehen wie: "Selbst Schuld!", "Du hast Krebs gekriegt, weil du etwas falsch gemacht hast!" Oder: "Deine Depression will dich darauf stoßen, dass du dich im falschen Leben eingerichtet hast!" Vielleicht auch: "Wenn du deine infantil-sexuellen Konflikte nicht so ausagiert hättest, wärest du nicht eine so überbehütende Mutter geworden, und dein Kind hätte nicht krank werden müssen!"
Krankheiten kommen manchmal einfach so über einen! Man hätte sie nicht verhindern können! Manchmal, vielleicht oft, mag es so sein, dass eine Krankheit ein Signal dafür ist, dass man s o nicht weitermachen kann. Sie kann auch ein Symptom einer Erkrankung des Systems, in dem man lebt, sein.
Egal, ob sie Reaktion auf etwas oder sozusagen schicksalhaftes Unglück ist, eines scheint mir - sofern es eine Existenz-erschütternde Erkrankung ist - immer der Fall zu sein: dass sie den Menschen in eine Aporie führt, für die noch keine Auswege vorhanden sind. Und eine solche Aporie enthält eine notwendige Botschaft: Wenn du überleben willst, musst du einen Ausweg finden! - Welche Bedeutung der Leidende dieser Botschaft gibt, mag - gemäß dem von dir so schön beschriebenen "weißen Rauschen" - nahezu beliebig sein. Hauptsache, der Betreffende findet darin einen Sinn, ein Mosaiksteinchen, welches ihm sowohl passend erscheint als auch Antrieb gibt. Bei dem Einen ist es womöglich die Erkenntnis, er habe "zu viel geliebt", bei der Anderen, die Arbeit mache sie krank, für den Dritten die Einsicht, dass gesellschaftliche Faktoren zu verändern seien.
Also nein: keine "bestimmte Bedeutung", keine "objektive" Kausalität, sondern - du nennst es "individuelles Muster/ Sinnbildung" - eine phänomenal sinnvolle Gestalt-Bildung, so wie wir nachts auf dem Friedhof Gespenster sehen oder wie im weißen Rauschen Muster erblickt werden.
Bedeutsam ist hier, sich klarzumachen, dass subjektive (phänomenale) Wirklichkeit und absolute (transphänomenale) Realität in einem dialektischen Verhältnis stehen könnten - beide verhalten sich zueinander zugleich hautnah und flüchtig. Das bedeutet natürlich auch, dass ich selbst eine bestimmte Bedeutung in meiner Erkrankung sehe, die mir Sinn und Kraft gibt, der Aporie erfolgreich zu entkommen, sagen wir mal: "Diese Arbeitstelle macht mich krank!" Gleichzeitig mag aber die "wahre" Ursache der Erkrankung in einer Bleivergiftung liegen. Was wiederum nicht heißt, dass meine subjektive Sichtweise mir nicht weiterhelfen kann! Es ist also kompliziert - dieses bemerkenswerte Zueinander von subjektiver Wirklichkeit, absoluter Realität und Tat-sachen-Bildung bearbeite ich in meiner "Erkenntnistheoretischen Grundlegung ..."
Wenn du glaubst, "dass „psychische“ Krankheit mit Grundkonflikten zu tun hat" - impliziert das nicht auch die Vorstellung einer festen Kausalität? Oder befindest du dich mit dieser Erklärung innerhalb deiner persönlichen Wirklichkeit?

Kannst du mir zu dem Thema "Neue Phänomenologie und Feldtheorie" eine konkrete Arbeit von Thomas Fuchs empfehlen? Das klingt spannend!

Worauf beziehst du dich mit deiner "Anmerkung zur Wissens-Doxa im Streitfall:
evtl ein unglückliches Beispiel. Wut ist schließlich eine mächtige Emotion"?

"Heilung durch ein Zulassen": Ja! Deshalb steht der Halt, die Sicherung in der Therapie immer an 1. Stelle!! Das "Stoßen, Konfrontieren ..." darf erst dann - wenn überhaupt! - erfolgen, wenn Sicherheit besteht - vgl. meine Bergsteiger-Metapher - ich weiß jetzt nicht mehr, wo ... :-(

"... gesund, krank zu sein": Das ist wirklich nicht zynisch gemeint, etwa wie "Geschenk der Natur"! Könnte aber missverständlich sein, da hast du Recht! Ich meine damit: Wenn du sehr leidest, ist es gesund, nicht zur Arbeit zu gehen.

Danke für deinen tollen und anregenden Kommentar!

Herzliche Grüße, Michael

Kommentar von Tamara |

Hallo Michael,
vielen Dank für deine Antwort und die Erklärungen, jetzt verstehe ich einiges besser.

Begriff Störung
Deine Ausführung trifft es! Und tatsächlich wäre es wichtig, bei den Begrifflichkeiten anzusetzen. Die Sprache wieder menschlicher zu machen, um entsprechende Assoziationen zu einer humaneren Sichtweise zu schaffen.

Botschaften des Krankseins
Wenn ich dich richtig verstehe, sagst du, die Krankheit ist vielschichtig und immer nur Möglichkeit. – Jap, das gefällt mir :-)
Ich überlege gerade, welche Konnotationen Aporie in den Sokratischen Dialogen hatte und ob der Begriff hier passender ist als „Krise“. Wobei in Krise natürlich der Krankheitsaspekt schon mitschwingt, in Aporie eher das Unlösbare (innerhalb alter Wege, da ja ausweglos) betont wird. Interessante Wortwahl!

Ich weiß natürlich, dass du dich hütest, Vorannahmen zu treffen und keine objektive Kausalität voraussetzt – trotzdem wollte ich wissen, wie du als ehemaliger Psychotherapeut eine Krankheit verstehst ;-) Der dialektische Ansatz, den du verfolgst, ist jedenfalls überaus vielversprechend, weil würdigend.

Psychische Krankheit – Grundkonflikte
Kommt darauf an, wie ich die Aussage mit den Grundkonflikten angehe. Ich habe lediglich gesagt, dass eine seelische Krankheit mit Grundkonflikten zu tun hat, nicht dass sie dadurch verursacht wird.
Jetzt meine persönliche Meinung, wobei ich versuche, das konkrete Warum gar nicht erst zu beantworten: Wenn jeder Mensch mit Grundkonflikten zu kämpfen hat, dann ist es für mich konsequent weitergedacht, dass der Mensch in Zeiten der Not, in denen er auf sich selbst zurückgeworfen ist, noch viel mächtiger mit menschlichen Grundkonflikten konfrontiert wird.
Selbstverständlich interpretiere ich hier, genauso wie jeder andere ^^ Wir könnten natürlich in Frage stellen, ob es so etwas wie Grundkonflikte überhaupt gibt oder welche Rolle der Selbstbezug bei “Gesundheit” oder “Krankheit” spielt…es gibt keinen archimedischen Punkt.

Kurzum: Ja, sicherlich befinde ich mich mit meiner Darstellung in meiner subjektiven Wirklichkeit. Wie könnte ich auch nicht? ;-D Die Frage ist, wie ich damit umgehe…Zitat Heidegger: “Das Entscheidende ist nicht, aus dem Zirkel heraus-, sondern in ihn nach der rechten Weise hineinzukommen.”

Fuchs > Phänomenales Feld und Lebensraum. Hat aber auch ein Buch: Leib - Raum- Person, ich hab es aber nicht gelesen. Was mir allerdings nicht bei Fuchs gefällt, die Hinweise auf den typus melancholicus…ist ja auch wieder eine Schablone…

Wut und unglückliches Beispiel für Doxa
…eigtl gar nicht so wichtig, war nur ein Gedanke. Wenn ich wütend bin, bin ich schwer mit rationalen Argumenten zu erreichen. Wut setzt einen starken körperlichen Energie-Push frei, hemmt aber auch das vernünftige Denken. Etwas anderes ist wiederum eine ruhigere Situation, wie zum Beispiel eine Psychotherapie oder eine Unterhaltung beim Abendessen.

Zulassen
Deine Anmerkungen erinnern mich an Beat Gerber “Warum die Medizin die Philosophie braucht” (lese ich gerade zu Ende) und sein Kapitel “Situatives Nichtstun in der Medizin”: auch er betont, dass die heutige Medizin dem machbar-Prinzip folgt. Bzw. die Machbarkeit ihr Macht verleiht. Etwas ist machbar, eine bestimmte Therapie oder ähnliches, und es wird getan, ohne zu hinterfragen, ob es in diesem individuellen Fall Sinn macht. Ein Aktionismus also (natürlich auch durch diverse Faktoren motiviert), anstatt bedachtes Abwägen. Gehört sicher auch zur Listen-Ethik

Ich hatte richtige Aha-Momente bei deiner Analyse des Identitätsbegriffs. Dann habe ich mich gefragt, was wäre, wenn das Wort durch das alltagssprachliche Ich ersetzt werden würde. Und es wäre das gleiche Ergebnis: Wer das Ich betont, setzt eine Grenze zum Du.

Selbst
Hochinteressant. Ich denke dabei auch an Diderot: Das Selbst (bzw. Ich) ist unstrukturiert, lückenhaft und verändert sich im Laufe der Zeit. In verschiedenen Situationen und gesellschaftlichen Kontexten kommen so diverse Facetten des Ichs zum Vorschein. Das alles bleibt aber immer dieselbe Person mit einzigartigem Charakter. Sie vereint nur mehrere Facetten in sich. In deinen Worten: Das Selbst zeigt je nach Feld bzw. in-Beziehung-treten seine Möglichkeiten

Ideal der Fehlerfreiheit - Mängel, Nicht-mehr-Können verstehen
Ganz sicher herrscht diese Doxa heutzutage vor.

Darf ich ergänzen, dass bei psychischer Krankheit noch ein Aspekt damit zu tun haben könnte, der noch mehr ins Existenzielle geht: Verlust der Willens- und Handlungsfreiheit.

Zumindest in einer psychischen Krankheit handelt es sich ja nicht um irgendeine Schwäche. Sie hat den Charakter von Lebensunfähigkeit. Ich gehe mal davon aus, dass sich ein Mensch in seinem Selbst- und Werterleben handelnd auf die Welt bezieht. Irgendwie gelingt das in der Krankheit aber nicht mehr. Wenn sich zum Beispiel deine Gedanken verselbstständigen, Zwangsgedanken, dann ist das im Grunde ein Verlust an Willensfreiheit. Wenn ich in der Depression nicht mehr aufstehen kann oder wichtige Dinge nicht mehr tun kann, dann empfinde ich das als Verlust von Handlungsfreiheit.

Ich freue mich auf deinen nächsten Artikel!
Herzliche Grüße
Tamara

Antwort von Michael Mehrgardt

Herzlichen Dank für deinen neuen Kommentar, Tamara!
Aporie gefällt mir insofern besser als Krise, als dass erstere die phänomenale Ausweglosigkeit benennt. Dass ein möglicher Ausweg (durch ein i.w.S. Transzendieren, Emergieren …) erscheint, ist dem Leidenden wohl nicht vor Augen – oder was meinst du? Krise impliziert für mich die Sicht der Fachleute, die Patientin sei noch nicht so weit, den Ausweg, den sie selbst schon sehen, zu erkennen. (Bin ich zu empfindlich ggü. Anmaßungen? – Ja, bin ich wohl.)

Kannst du mal Beispiele nennen für das, was du Grundkonflikte nennst. Meinst du diese im psychoanalytischen oder eher im existenziellen Sinn? Oder sind dies eher Konflikte aus der eigenen Geschichte?

Was ich unter Krankheit verstehe? Das fällt mir jetzt schwer, umfassend zu beantworten.

Erstens finde ich wichtig, dass sie nicht als negativer Pol der Gesundheit und damit wertend, moralisierend, bedrängend … verstanden wird.

Der Begriff Krankheit ist i.d.R. mit einer kausalen Ätiologie konnotiert, mit Diagnosen, Befunden, Laborwerten, Normen etc. Es ist ein eher technischer Terminus, der die Abweichung von einer Norm bezeichnet. In dieser Sicht ist Krankheit wohl das Gegenteil von Gesundheit. Oder?

Phänomenologisch passt Leiden besser, finde ich. Leiden kann sehr groß sein, trotz geringer „objektiver“ Ursache. Und umgekehrt. Und Leiden hat (mindestens) 2 Aspekte: das Leiden-als-solches (der subj. empfundene Schmerz, die Trauer, die Panik, das Brennen i.d. Speiseröhre). Und zudem das Leiden-am-Du (soziale(r) Zurückweisung/ Rückzug, Abwertung, Scham, Schuldgefühle …).

Krankheit/ Leiden sollte in der zeitlichen Entwicklung betrachtet werden. Lineare und mechanistische Erklärungs- und Behandlungsmodelle legen oftmals die Haltung nahe, der Patient könne, wenn er nur wolle (und nicht zu viel Widerstand hat!), das gesundmachende Rezept s o f o r t ausführen. Aber es gibt sicherlich so etwas wie eine innere „Entfaltungslogik“ einer Krankheit, die nicht so einfach beschleunigt oder umgekehrt werden kann.

Die Ursachen einer Krankheit müssen in jedem einzelnen Fall, so denke ich, ergründet werden, und zwar gemeinsam. Meine weise Mutter pflegte zu sagen: Wenn du zum Arzt gehst, solltest du vorher wissen, was du hast und wie er dir helfen kann.

Das kann man am Beispiel der Wut verdeutlichen: Ist nicht gut oder schlecht oder zielführend oder irrational, sondern hat ihren Platz im Ablauf der Dinge. ZB: Eine Trauer und Tränen „sitzen auf“ der Wut und halten sie in Schach – Es gelingt, diesen „Pfropfen“ abzuarbeiten, so dass die Wut frei werden kann. – N a c h der Wutäußerung ist das Denken klar, eine Entscheidung kann gefällt werden. Es geht natürlich auch anders herum: Wut „sitzt“ auf einer starken Trauer und muss erst geäußert werden, damit d a n n die Trauer fließen kann. Und anschließend kommen klare Gedanken, Entscheidungen etc. – Kann natürlich auch ganz anders sein. Also: dem Prozess Zeit geben. Hab‘ ich oft in der Arbeit mit AIDS-Kranken Drogenabhängigen erlebt: Wir sprechen über den Tod, die Angst, die Trauer, es fließen Tränen, manchmal musste ich auch mitweinen. Und wenn diese Trauer-/Angst-Gestalt sich für diesen Moment geschlossen, dh erledigt hatte, erst dann passierte immer folgendes: Die Pat. sagte: So, lass uns jetzt rausgehen und die Sonne genießen! (Oder Kaffee trinken …) Das war so unmittelbar lebendig, trotz und manchmal auch wegen allen Leidens – das hat mich oft sehr berührt!

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